| Krieg geht weiter |  |
"1999 war G. als Soldat im Kosovo. Im Jahr 2002 und für ihn ist der Kampf noch nicht zu Ende.
G. leidet unter den Erlebnissen aus dem Einsatz, sieht die Bilder immer wieder. Nach Feierabend gießt er Tequila auf den eisigen Klumpen in seinem Inneren, flaschenweise, er nimmt Drogen.
Seine Zeit bei der Bundeswehr als SaZ 4 ist beendet. G. weiß nicht, wohin er sich mit seinem Kummer wenden soll - die Bundeswehr, ihre Krankenhäuser und Psychologen sind für ihn in weiter Ferne. Und im zivilen Leben, im heilen Deutschland, da erscheinen die Toten, der Geruch von Leichen, die Schusswechsel und die halb verhungerten Menschen so unwirklich, so unglaubwürdig.
PTBS ist das Kürzel für die Qualen die G. durchleidet. Posttraumatische Belastungsstörung. Nach den Weltkriegen sagte man über Soldaten, die zitterten, nicht schlafen konnten und sprachlos am Tisch saßen, sie hätten den "Kriegszitterer", das "Granatfieber" oder eine "Schützengrabenneurose".
Seit dem Vietnam-Krieg und seinen Veteranen heißt es "Posttraumatische Belastungsstörung" und meint, dass ein Mensch nach einem extrem belastenden Ereignis seelisch erkrankt. Die Symptome von PTBS sind zahlreich, es können Panikattacken und Flashbacks, Schlaflosigkeit und Aggressivität, Sucht und Selbstmordgedanken sein. Nicht immer reagiert die Seele sofort.
Manche Soldaten merken erst Jahre nach dem Einsatz, dass sie etwas belastet. Freiwillig Wehrdienstleistende oder Soldaten auf Zeit sind dann oft nicht mehr in der Bundeswehr, längst in einem zivilen Beruf und wie G. nicht mehr eingebunden in ein Netz aus Truppenpsychologen, Militärseelsorgern und Bundeswehrkrankenhäusern. Gleiches gilt für die steigende Zahl an Reservisten, die in den Einsatzkontingenten sind.
Er war Fallschirmjäger und gehörte zu den ersten Bodentruppen, die im Juni 1999 im Kosovo einmarschierten, 23 Jahre war er damals alt.
Er muss Albaner aus einem Gefängnis befreien, "die sahen aus wie KZ-Häftlinge", erzählt G.
Im Nebenraum entdeckt er einen Folterkeller. Am Nachmittag des selben Tages steht G. an einem Kontrollpunkt und ein gelber Lada mit zwei bewaffneten Serben rast auf ihn zu. Die Serben schießen in die Luft, schießen in Richtung Kontrollpunkt.
G. und seine Kameraden eröffnen das Feuer, die beiden Serben sterben. Sie gehen durch die Medien als die ersten Menschen auf dem Balkan, die durch Schüsse von Bundeswehrsoldaten umkommen. Zwei Monate lang bleibt G. im Kosovo. Er hetzt von Patrouille zu Patrouille, zeigt Präsenz bei aufgeheizten Menschenmengen, die Waffe durchgeladen.
Findet Leichen, viele.
Einmal kommt er zu einem Haus, das von einem Vater und seinem zehnjährigen Sohn geplündert wurde. Der Sohn zieht eine Waffe, G. entsichert sein G36, legt an. Sie können den Jungen überwältigen und stellen fest: Es war nur eine Spielzeugpistole.
Ein anderes Mal findet G. eine alte serbische Frau, die von Albanern mit einer Axt erschlagen wurde."
Als Ausbildungsarmee übte die Bundeswehr mehrere Jahrzehnte die Landesverteidigung. Bedingt durch ein neues Sicherheitsszenario hat sie sich jedoch inzwischen zu einer Einsatzarmee entwickelt.
Der Wandel von der Ausbildungs- zur Einsatzarmee hatte auch Auswirkungen auf die Soldaten: so wurden die meisten mit Beginn der Einsätze zum Beispiel in Ex-Jugoslawien ab August 1995 erstmals mit menschlichem Leid, Verwundung und Tod sowie einer vom Krieg verwüsteten Landschaft konfrontiert.
In Deutschland wurden die Folgen von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) für betroffene Bundeswehrsoldaten erst ab 2003 durch zunehmende Berichterstattungen der Medien bekannt.
Mit einem so genannten psycho-sozialen Netzwerk hat die Bundeswehr reagiert und umfassende Unterstützungsleistungen für Betroffene zur Verfügung gestellt.
Besonders für Zeitsoldaten greift jedoch diese Hilfe nur zögerlich. Bei oftmals erst Jahre nach der Entlassung aus der Bundeswehr auftretenden Symptomen einer PTBS ist es für die Betroffenen meist unmöglich, Anträge auf Anerkennung einer Wehrdienstbeschädigung (WDB) mit aussergewöhnlichen und belastenden Einsatzerlebnissen beweisbar begründen zu können. |
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